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Anmerkungen zu MONEY BOY

Triebwerk-Leiter Conrad hat sich nach dem Konzert folgendes von der Seele geschrieben.  Hier könnt ihr alles nachlesen. Wir freuen uns auf Eure Meinungen! ~die Triebwerk Crew

 

Gleich vorweg möchte ich ein paar Antworten liefern. Antworten, die ich in den letzten Wochen gesucht habe und nun – zumindest für mich – beantworten kann.

  • Die erste große Frage: Darf man das? Oder eigentlich besser formuliert: Darf das Triebwerk das? Meine Antwort: Das Triebwerk sollte es tun dürfen aber nicht machen.
  • Ist Moneyboy eine harmloser Spaß im Verdacht Satire zu sein? – Vor der Show dachte ich noch ja, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.
  • Nehmen die Konzertbesucher den „Boy“ ernst? – Nein.
  • Hinterfragen sie die Inhalte kritisch? – Teilweise ja, großteils nein.

Tatsache ist, dass Moneyboy extrem polarisiert, dass er die  wirren Dynamiken des Internets erfolgreich bespielt, dass er viele Fans auch unter der aufgeklärten, nicht unkritischen Jugend – auch im Triebwerkumfeld – hat. Und diese Dinge waren für mich der Anlass, diese Show zu machen. Es war eine schwere Entscheidung, die mir echt nicht leicht gefallen ist, da mir klar war, was da folgen wird. Aber genau das hat mich auch gereizt. Denn letztendlich ist es  auch Aufgabe des Triebwerks zu konfrontieren und zu polarisieren. Es war auch schwer für mich, weil ich der Musik von Moneyboy gelinde gesagt nichts abgewinnen kann. Ich finde  die Musik, die Texte, die Machart furchtbar und belanglos. Aber gerade das finden wohl wieder viele witzig und unterhaltsam. 

Offenbar ist er also Teil einer Jugendkultur, den wir als Triebwerk nicht einfach ignorieren sollten. Noch dazu, wo das Feedback auf die Absicht, ihn zu veranstalten, derart positiv war. (Und zum Glück auch negativ!) Es widerstrebt mir, eine ganze Gruppe von Menschen – in diesem Fall die MB-Fans – kategorisch und pauschal abzutun. Es steht mir persönlich und auch dem Triebwerk nicht zu, zu sagen: „Was ihr da gut findet ist Scheiße, weil bla bla bla …  und mit dem braucht ihr uns erst gar nicht kommen.“ Für die meisten ist das ein großer Spaß. Sie freuen sich darauf, an einem Samstag Abend ordentlich abzugehen und zu feiern, ohne irgendwelche „erwachsenen“ Belehrungen á la „Du weißt aber schon, dass das nicht ok ist, gell?“. Das würde es höchstens viel reizvoller machen.

Es sind junge Menschen und zu einer gesunden Sozialisation gehört es nun mal ordentlich darauf zu scheißen. Ich selbst hab das mit dem Punk durchgemacht und stand in versifften Wiener Kellerclubs um mit der Band Texte wie „Die Demokratie muss in Blut gebadet werden“ und Ärgeres mitzugrölen.  MB-Fans sind meiner Meinung nach nicht generell und pauschal sexistische und homophobe VollidiotInnen, sondern Jugendliche einer spaßorientierten Generation, die ein Ding gefunden haben, mit dem sie Spaß haben, sich abgrenzen und auch provozieren können. Und wenn ich sie damit ins Triebwerk hole und nur ein paar von ihnen die kritische Diskussion mitbekommen haben, haben wir was erreicht. Und wenn nur ein paar von ihnen dadurch mitbekommen haben, dass es überhaupt auch ein alternatives Kulturprogramm in dieser Stadt gibt, dann ist das auch gut fürs Triebwerk.

Wir haben sehr viel positives Feedback bekommen. Von „hej, das ist ja ein cooler Club“, bis „lässig dass ihr auch mal was anderes macht.“ Im Großen und Ganzen hat sich in der ganzen Diskussion die Befürchtung bestätigt, dass  das Triebwerk zwar bekannt ist in der Stadt, aber so wahrgenommen wird, dass es nur einer sehr exklusiven Klientel ein alternatives Programm bietet. Und hier kommen wir langsam zu dem Kern der Sache. Ich selbst stehe in einer links-alternativen Tradition. Genau wie das Triebwerk.  Ich verstehe wenig Spaß wenn es um Sexismus, Homophobie, Rassismus, etc. geht. Aber wie dogmatisch kann man sein? Unser Programm war und ist nicht 100% PC. Wenn wir alle Texte aller Acts der letzten Jahre durchforsten, werden wir auf allerlei Wunderlichkeiten stoßen.

Für mich und das Triebwerk ist eine PC-Haltung selbstverständlich und das darf man auch zeigen, aber man kann es nicht komplett radikal von allen als selbstverständlich einfordern. Was wir aber machen können und auch wirklich gut machen, ist die Leute einzuladen, ihnen Alternativen ohne Zeigefinger anzubieten. Und genau dafür steht für mich das Triebwerk. Wenn wir sagen, dass es sich um ein offenes Haus handelt, dann müssen wir das auch leben und jederzeit bereit sein, andere Meinungen und Lebenseinstellungen, andere Vorstellungen von Kultur (innerhalb des gesetzlichen Rahmens) zu respektieren. Und wenn wir dabei auf persönliche No-Gos stoßen, dann werden wir darüber reden und auch entsprechend handeln.

Wenn wir wollen, dass uns die Menschen unvoreingenommen gegenüberstehen, muss das umgekehrt genauso gelten.

Bleibt noch ein Frage: War’s das wert? Auf den Ärger und die Aufregung die mir dieses Konzert in diesen Wochen verursacht hat, kann ich gern für längere Zeit verzichten. Ganz persönlich  betrübt mich, dass einige der langjährigen MitarbeiterInnen, die sich immer sehr hier engagiert haben, völlig vor den Kopf gestoßen fühlen. Das war nicht unsere Absicht. Wiewohl uns klar war, dass das nicht bei allen auf Wohlgefallen stoßen wird. Dabei wart ihr das wirklich wichtige Kontra in der Sache. Nicht auszudenken, hätte sich niemand darüber aufgeregt und dagegengehalten! Die Absicht, eine leidenschaftliche Diskussion anzuregen, ist aufgegangen und das finde ich gut, denn das Triebwerk muss sich einigen wesentlichen Fragen der künftigen Ausrichtung stellen. Und diese Diskussion hätte ohne dieses Konzert nicht dieses Ausmaß erreicht. 

Tatsächlich gibt es auch einigen MB-Fans, die die Sache nach diesem Abend selbst wesentlich kritischer sehen. Auch für mich war es ein mehr als grenzwertiges Erlebnis. Es ist eine Sache, sich ein Video anzusehen, in dem ein als Huhn verkleideter Irrer singt: „Ich hab dicke Eier“ und es ganz witzig zu finden. Es ist aber ganz was anderes, diesen – meiner Meinung nach – dumpfen, künstlerisch nicht gerade wertvollen Blödsinn, der sich ganz unverhohlen sexistischer und homophober Klischees aus der Gangster-Rap Szene bedient (egal ob Satire oder nicht), auf der Triebwerk-Bühne derart abgefeiert zu sehen.

Der Punkt war für mich schnell erreicht, an dem ich das Konzert eigentlich abbrechen wollte. Das war zu heftig, zu weit weg von meiner Lebenswelt, gehörte nicht auf diese Bühne und trotzdem: was ich da sah, war auch ein alternatives, erfolgreiches Konzert eines österreichischen Künstlers, der von seinen Fans gefeiert wurde, für die das alles ein Spaß ist und die glücklich sind, mal ordentlich abfeiern zu können. Einer jeden Band, die bei uns auf der Bühne steht, wünsche ich ein derart großes, motiviertes Publikum.

Wir haben den Spuk nach einer Stunde enden lassen. Ich schätze rund hundert Fans haben einen tollen Abend erlebt. Der Rest des Publikums wollte einfach mal schauen und viele von denen hat das Erlebte, wie uns vom Triebwerk auch, nachdenklich gemacht. Es hat uns auch vor Augen geführt wie Jugendkultur außerhalb unserer Triebwerk-Welt aussieht. Es war ein extremes, provokantes Experiment, das gute, schlechte und auch undefinierte Seiten  rund um das Triebwerk sichtbar gemacht hat. Ich hoffe sehr, die Diskussion darüber, was das Triebwerk ist, sollte, darf, muss…  geht weiter. Alle sind eingeladen, sich daran zu beteiligen. Das Triebwerk ist nicht selbstverständlich. Das Triebwerk ist Eure Bühne, ist Euer Haus. Nutzt es.

~Conrad

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